Sorry Leute, ich muss jetzt mal was loswerden, was mich seit Ewigkeiten dermaßen ankotzt, aber irgendwann kommt mal der Punkt, wo ich mich dann doch einfach nicht mehr zurückhalten kann: es geht um ein Thema, was schon häufig diskutiert wurde, bitteschön, gerne gebe ich den Anlaß für ein weiteres heisses Eisen...
Es geht um einen technischen Defekt des Fahrgeschäfts des Fahrgeschäfts "Stargate" auf dem Deutsch-Amerikanischen Volksfest in Berlin.
Die Situation ist einfach erklärt: Durch ein Hydraulikproblem kam es bei o. g. Geschäft zu einem Stillstand des Gondelträgers in - sagen wir - ungünstiger Position - nämlich über Kopf.
Es ist dabei niemand wirklich körperlich zu Schaden gekommen, natürlich saß der Schreck bei den Passagieren tief und auch der Schausteller zeigte sich vom Defekt betroffen.
Ich möchte aber nicht über den betreffenden Schausteller schreiben, auch nicht über das Geschäft - sind wir ehrlich, bei allem technischen Klimbim in den fliegenden Kisten heutzutage klemmt es in Hydraulik und Pneumatik hin und wieder, was nicht (und gerade bei diesem Schausteller nicht) auf mangelnde Wartung oder fehlende Pflege hinweisen muss: Es gibt halt Dinge, in denen man bei aller Vorsorge für Betriebssicherheit nicht steckt, mein Auto hat auch schonmal gestreikt, obwohl ich eine Woche vorher mit ihm in der Wartung war - und es geht hier ja auch nicht um das Versagen des Bügelrückhaltesystems...
Es geht mir konkret um die Art und Weise wie hier eine sensationsheischende Presse mit solchen Vorfällen umgeht. Es ist gelinde gesagt eine Schande, wie z. B. die DPA sich des Themas annimmt und ihre Meldung z. B. über "Die Welt online" verbreitet. Der Inhalt wird - wie es scheint - nach Belieben mit drastischen Worten gewürzt und eine Nachricht, die dem Presseorgan in ruhigen Zeiten wahrscheinlich keine zwei Zeilen wert gewesen wäre, unnötig dramatisiert.
Leider leider gab es im Zusammenhang mit dem Deutsch-Amerikanischen Volksfest 2009 in Berlin ja bereits einen tragischen Vorfall an der Wilden Maus wo ein Junge wohl während der Fahrt und - so die derzeiten Ermittlungen - ohne Fremdverschulden verstorben ist.
Und wie die Geier hängen sich Agenturen wie besagte DPA sofort hinten dran und schnappen sich den nächsten "Knüller", der dann auf Welt-Online wie folgt ausschaut:
"Berlin (dpa) - Angst- und Entsetzensschreie auf dem Deutsch- Amerikanischen Volksfest in Berlin: Eine Woche nach dem tragischen Tod eines Jungen nach einer Achterbahnfahrt waren wieder Menschen in Gefahr. Doch dieses Mal gab es ein glimpfliches Ende. Ein Fahrgerät war am Abend in etwa 15 Metern Höhe plötzlich stehen geblieben. 15 Fahrgäste hingen kopfüber fest und bangten um ihr Leben. Gemeinsam mit dem Betreiber gelang es der Feuerwehr aber nach 30 Minuten, die blockierte Gondel wieder zu bewegen und nach unten zu bringen."
Quelle: dpa / Welt-Online
Mit Sicherheit hatten die Fahrgäste in diesem Moment kein angenehmes Kribbeln in der Magengrube, mit Sicherheit gab es auch Angst und Sorge, inhaltlich würde ich dem Redakteur ja noch nicht mal einen Vorwurf machen - aber die Machart dieser Mitteilung ist eine Schande und bringt Schausteller und Kirmesplätze - eh schon gebeutelt von Wirtschaftskrise und demographischem Wandel - in Verruf. Allein der erste Satz (Angst- und Entsetzensschreie...) zeigt deutlich, wes Geistes Kind der Autor einer solch "überdramatisierten" Meldung ist. Selbst wenn es so war: es kommt - wie so oft - nicht auf das bloße Mitteilen der Nachricht an - ich darf mal an die W-Fragen erinnern, vielleicht kennt die noch jemand ? - sondern um die Befriedigung sensationsheischender Leser, die nicht genug kriegen können von infernalischen Unfällen, von dramatischen Vorfällen und möglichst bildhaft überzeichneten Pannen. Natürlich ist da Zurückhaltung nicht gefragt - jeder ist sich selbst der Nächste.
So wird durch die Umschreibungen verantwortungslos drauflos kritzelnder Pressemenschen aus zwei völlig unabhängig voneinander entstandenen "Vorfällen" eine subjektiv als "Kette von Vorfällen" empfundene Sachlage, die das Bild einer gesamten Branche - aber zumindestens eines eh schon reichlich bekrittelten Volksfestes - in die Schräglage bringt. Eine Schweinerei.
Journalisten sind natürlich auch auf den Erfolg ihrer Texte angewiesen - wer ein bestimmtes "Niveau" nicht erreicht, wird auch im Business nichts erreichen. Die Leute die hier schreiben - das denke ich sollte mal betont werden - sind Menschen, die sonst nichts mit dem Rummel zu tun haben, nie das Flair der Schaustellerei geatmet und nie einen Blick hinter die Kulissen riskiert haben. Leute, die nur "die Meldung" suchen, egal ob mit ein bisschen mehr Hintergrundwissen und Feingefühl vielleicht ein ganz anderer Text entstanden wäre. Es ist wie überall im Leben - und auch in vielen anderen journalistischen Bereichen: Fressen oder gefressen werden, Hop oder Top, Story oder Versager...
Das oft gehörte Argument, Journalisten schrieben ja nur das, wonach die sensationsgeilen Leser der Presse solche Meldungen bräuchten wie die Luft zum Atmen lasse ich dennoch einmal mehr nicht gelten. Es ist eine nette Ausrede, sich nicht mit der eigenen Verantwortung beschäftigen zu müssen, nicht links und rechts schauen zu müssen um sich einen fairen Stil zu bewahren. Stil gibt es doch in vielen Medien schon lange nicht mehr, herausragende Ergebnisse dieser Entwicklung sind die bekannten "Dschungel-Camp" Geschichten und Container-Lieben.
Genauso, wie es gewisse Medien geschafft haben, ein entsprechendes Publikum zum konsumieren von totalem Schwachsinn anzuregen, genauso kann und muss es ernsthaften Medien gelingen, wieder etwas von gegenseitiger Fairness und dem Respekt im Umgang miteinander zu vermitteln. Zugegeben, leichter ist es natürlich, mit solchen Beiträgen wie dem oben genannten die Zeitungsseiten zuzukleistern, Bildzeitungsniveau ist immer einfacher als langwierig Hintergrundinformationen zu erarbeiten.
Das Vermitteln von Werten ist schon lange nicht mehr im Focus der Medien. Und so werden auch DPA Mitteilungen unkritisch, ungeprüft freigeschaltet, deren Nachrichtenwert vielleicht gar nicht mal so uninteressant ist, die sich jedoch selbst im gleichen Text durch sensationsheischende Ausdrucksweise selbst den Ast der ernsthaften Presse absägen, auf dem sie sitzen.
In Berlin bleibt sicher vom 2009er Volksfest so einiges an Erinnerungen hängen. Dank der Nachrichtenagenturen wird dies vermutlich auch viel Negatives sein. Schnallen diese Menschen eigentlich nicht, was für Porzellan sie für lange Zeit zerschlagen ?
Nachdenkliche Grüße
euer Markus