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Schaustellertransporte,Geschrieben von Sebastian Schmidt

  • Schudi1
  • 7. Juni 2008 um 18:00
  • Schudi1
    Gast
    • 7. Juni 2008 um 18:00
    • #1

    Giganten auf Reisen

    Ein jeder erfreut sich an dem Glanz und den Lichtern der Fahrgeschäfte auf der Kirmes, doch habt ihr euch schon mal Gedanken gemacht, wie euer Lieblings-Breakdance in die nächste Stadt kommt, beziehungsweise auf was? Wir beleuchten daher heute einmal das Transportwesen der Schausteller und gewähren einen kleinen Einblick in die Technik und den Aufwand eine Attraktion zu transportieren.

    Was ganz früher Pferde und später Traktoren erledigt haben, wird heute natürlich von modernen Zugmaschinen verrichtet. Kein Wunder, reist der Schausteller doch im Schnitt rund 5000km mit seiner Attraktion pro Jahr. Daher hebt sich die typische Schaustellerzugmaschine von anderen Trucks deutlich ab. Meist waren dies einmal normale Sattelzugmaschinen auf die eine Hilfstraverse montiert wurde, die dann einen Kasten oder Pritsche aufnehmen kann. Die dominierenden Gründe für diese Auswahl der Konstruktion liegen zum einen in der Manövrierfähigkeit - die großen Karusselltransporte müssen auf engen Kirmesplätzen frontal rangiert werden, wozu eine kurze wendige Maschine mit Last auf den Hinterachsen benötigt wird. Zum anderen will man die Zugmaschine kurz halten, um längere Transporte ziehen zu können, ohne die Transportlängengrenze zu sprengen. Außerdem eignet sich der Aufbau hervorragend um Anbauteile, Kassenhäuschen und den Knickarmkran zu beherbergen. Eher selten kommt es vor, dass ein Mittelbau als Auflieger gebaut wird, daher sieht man im Schaustellerwesen meistens die Zugmaschinen für Anhängertransporte. Da die zu transportierende Masse oft sehr hoch ist, liegt auch die Motorisierung eher im oberen Bereich. 500-600PS sind bei Schaustellern keine Seltenheit. Viele greifen auch direkt auf die Schwerlastmodelle zurück. Teilweise sind die Zugmaschinen mit einer zusätzlichen Schwerlastkupplung ausgestattet, um mit der Masse klar zu kommen.

    Zuletzt besticht natürlich die Optik, meist sind die Maschinen reichlich verziert, lackiert und dekoriert - oft im Stil des Karussells oder des Unternehmens. Dies geschieht ganz nach dem Prinzip "my home is my castle", denn immerhin sind die Schausteller fast immer auf Achse und müssen auch für sich werben - da sind schöne und gepflegte Transporte natürlich von Vorteil.

    Widmen wir uns nun den Transporten dahinter. Allgemein heißt ein Transportanhänger auch Rolle, diese unterscheiden sich dann weiter. Zu erwähnen wäre der klassische flache Anhänger, meist mit Karussell spezifischen Aufbauten - Rungenwagen genannt. Einen geschlossenen Anhänger nennt man auch Kasten-, Koffer- oder Packwagen. Oftmals dient dieser dann auch als Rückwandwagen. Planenwagen finden meist Einsatz, wenn große zu schützende Teile transportiert werden müssen die später per Kran angebaut werden - z.B. Gondeln.

    Die detaillierte Beladung legt der Schausteller selbst fest, natürlich spielt hier die optische Ausführung der Attraktion noch eine Rolle. Nur als Beispiel - es gibt Autoskooter mit 3 und 6 Transporten. Bei einer Karussellübergabe kommen Karussell und Transporte in der Regel separat zusammen. Vereinfacht gesagt baut Hersteller X das Karussell, und von einem typischen Transporthersteller kommen dann die Rollen, worauf das Karussell nach Anpassung verladen wird. Gerade bei Prototypen optimieren sich die Transporte im Laufe der Zeit immer weiter. Für vereinzelte Attraktionsarten gibt es auch typische Multifunktionstransporte. So war es früher üblich, dass im Kassenwagen noch das Büro oder Schlafzimmer des Chefs und die Werkstatt beheimatet war. Heute findet man dort oft einen Teil der Chaisen mit untergebracht. Beim Power Tower 2 ist der Rückwandwagen gleichzeitig Führerhausstand und Elektronik Zentrale.

    Natürlich ist man bestrebt, die Anzahl der Transporte niedrig zu halten, denn dies bringt eine deutliche Kostenreduzierung und auch Zeitersparnis. Dem gegenüber steht das höhere Gewicht der einzelnen Transporte. Heutige Rollen kommen oft mehrachsig und mit Drehachsschemel daher. Durch diese Gewichtszunahme tritt ein stärkerer Verschleiß an Rollen und Zugmaschine auf, zudem muss diese natürlich auch größer dimensioniert werden. Viel wichtiger ist bei einer Reduzierung der Transporte jedoch die genaue Planung und Logistik der einzelnen Anbauteile, denn die Beladung muss exakt zu den Aufbauphasen der Attraktion passen. Nur so können kurz aufeinanderfolgende Festplätze auch eingehalten werden. Früher hat man einfach zwei Rollen hintereinandergehangen und die Anlagen waren grundsätzlich nicht so aufwendig. Somit gab es das Problem mit der Anzahl der Transporte in dem Umfang wie heute nicht. Früher war es gang und gebe, zwei Rollen aneinander zu hängen. Aufgrund von neuen Auflagen der Straßenverkehrszulassungsordnung (StVZO) und auch den heutigen schweren Transporten sind diese Tandem Transporte jedoch nicht mehr praktikabel.

    Viele Schausteller bauen sich ihre Transportrollen übrigens selbst und optimieren damit im Laufe der Zeit die Transporte. Oftmals dienen alte Containertransporte als Basis und sind später nicht mehr von gekauften zu unterscheiden - oder zum Teil noch schöner.

    Das größte Interesse der "Transportfetischisten" - wie sie manchmal genannt werden - gilt meist den Mittelbauten. Er kam im Karussellbau ungefähr um 1890 auf und etablierte sich dann im modernen Karussellbau nach dem 2ten Weltkrieg. Heute kann man ganze Anlagen auf einem Mittelbau verladen. Populäres Derivat dieser Bauart ist KMG´s "Afterburner 16".

    In den meisten Fällen bildet er nicht nur das Zentrum des Fahrgeschäfts, sondern ist auch der schwerste Transport. Mittelbauten bewegen sich in der Regel zwischen 20 und bis zu 70 Tonnen. Zudem kommt die erhöhte Verantwortung des Transports, da er auch in der Regel den höchsten Wert hat. Daher sind Transportunfälle mit Mittelbauten immer eine kritische Sache. 1997 fuhr ein unaufmerksamer LKW Fahrer einem Schwarzkopf Monster 3 auf. Der Mittelbau wurde daraufhin komplett neu aufgebaut.

    Anfang 2003 kippte die Antriebseinheit des Power Tower 2 durch einen Fehler an einer der Lenk-Achsen um. Der Schaden hielt sich in Grenzen und konnte schnell behoben werden. Zu dem Schaden am Fahrgeschäft kommt immer auch der Ausfall der Spielzeit hinzu. Hier ergibt sich ein Paradoxon - der Transport eines Karussells ist für die Existenz also gleichweg notwendig wie risikoreich.

    Gerade bei den Mittelbauten können, beziehungsweise müssen sich die Konstrukteure so richtig austoben, um den Anforderungen gerecht zu werden. Er darf die eigentliche Karussell-Konstruktion nicht groß beeinflussen, um beim Aufbau nahtlos in ihr verschwinden zu können. Der Mittelbau muss manövrierbar sein, um ihn auf dem Kirmesplatz ausrichten zu können. Und das wichtigste: er sollte den Platz auch überhaupt erreichen können, also kompatibel für die meisten Strassen sein. Daher nimmt er eine wichtige Rolle bei der Planung der Reiseroute ein.

    Damit dies gegeben ist, setzen die Konstrukteure lenkbare Achsen ein. Diese können mechanisch bzw. hydraulisch zwangsgelenkt sein, oder in seltenen Fällen hydraulisch verstellbare Lenkungen haben. In letztem Fall kann der Schausteller mittels einer Fernbedienung den Mittelbau steuern und auf den Plätzen ideal ausrichten. Während der Fahrt sind diese Achsen dann arretiert bzw. nehmen die Funktion einer zwangsgelenkten Achse ein. Zwangsgelenkte Achsen orientieren sich am Drehschemel der vorderen Achse, früher oft mit Stahlseilen, heute eher als Hydraulik mit einem Messzylinder an der starren Achse. Diese Achse wird dann minimal entgegengesetzt gelenkt. Dies erfordert vom Fahrer natürlich eine erhöhte Aufmerksamkeit, andererseits ist es nur damit möglich, dass der lange Mittelbau des geliebten Karussells die Serpentinenstraße zum nächsten Spielort passieren kann. Meistens sind die Achsen auch auf Schemeln montiert, welche dann beim Aufbau abgenommen werden. Dies ist z.B. bei jedem Autoskooter der Fall.

    Kommen wir zurück zur Verladung, denn neben den Arten der Transporte spielt das Gewicht eine große Rolle. In Deutschland beträgt die maximale Last für nicht angetriebene Achsen 10t. In seltenen Fällen sind mit Spezialachsen und Sondergenehmigung 11t möglich. Dies ist z.B. am Jumping Mittelbau der Fall.[JUMPING] Demnach ergeben sich teilweise sehr aufwändige Mittelbau Konstruktionen, wie z.B. auch am Airwolf, Stargate und Terminator.[STARGATE] Je nach Bauart setzt man auch mehrere Achsen ein, um die Last besser zu verteilen. Dadurch verringert sich die Belastung an Konstruktion und Reifen.

    Auch Schaustellertransporte müssen sich natürlich an die StVZO halten, und in der ist geregelt, dass ein normaler beladener Transport bis zu 40t schwer, und als kompletter Sattelzug 16,5m bzw. Anhänger-Zug 18m lang sein darf. Alles, was darüber hinaus geht, benötigt eine Sondergenehmigung. Inwieweit diese den Transport beeinflusst, und wie die Auswirkungen sind (Begleitschutz wäre z.B. eine seltene Maßnahme), wird von jedem Land lokal verwaltet. Es kann also sein, dass sich die Transportbedingungen für ein Karussell an einer Landesgrenze schlagartig ändern. Im Schaustellerwesen ist es üblich, das man die Reiseroute am Anfang eines Jahres beantragt, um die Genehmigungen vorab zu erhalten. Das mag sich vielleicht etwas streng anhören, aber manch einer wird froh sein, dass es diese Regelungen gibt, sie sorgen nämlich auch für eine generelle Passierbarkeit. Schaut man sich zum Beispiel die engen Gassen von Soest an, kommt die Frage auf, wie es ein Power Tower auf den Standplatz geschafft hat, und daran dürften diese Richtlinien nicht unschuldig sein.

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