Mutter kaufte mit Leberwurst Ersatzteile
Der Robrahn-Clan: Schausteller durch und durch / In der dritten Generation im Geschäft
Von unserer Redakteurin
Antje Borstelmann
Woher die Leidenschaft für das Gewerbe kommt? Der Herr mit dem grauen Haar und dem verschmitzten Lächeln zuckt die Schultern, lehnt sich ins rote Ledersofa zurück und nippt bedächtig an seiner Weinschorle. Durch die Tür dringt der Lärm des Rummels in den gemütlich eingerichteten Wohnwagen – Musik, das Kreischen der Fahrgäste in den Karussells, die Ansagen aus den Kassenhäuschen. Da draußen, das ist eine eigene Welt – die Welt des Rudi Robrahn.
Pilot hatte er eigentlich werden wollen, aber als er mit 18 den Führerschein Klasse 2 in der Tasche hatte, war sein berufliches Schicksal so gut wie besiegelt. Klar, sagt Robrahn heute, er hätte auch was anderes machen können, „aber schon meine Mutter wusste, wer einmal ein Pfund Salz gegessen hat, kommt ohne nicht mehr aus“.
Das war bei Vater Robrahn – auch ein Rudi – nicht anders: Den Kohlenhändler aus Bielefeld zog jede Kirmes, jeder Wochenmarkt magisch an. Irgendwann sattelte er um: von Kohlen auf Kuchen. „Wir zogen mit unserer Kuchenbude von Rummel zu Rummel, haben darin sogar geschlafen“, erinnert sich Sohn Rudi an die Anfänge. Zur Kuchenbude kam Steilwandartistik, seit Anfang der 40er Jahre zogen die Robrahns mit einem Autoscooter durch die Lande, der zu Kriegsende fast vollständig im Bombenhagel zerstört wurde. „Und genau damals hatten wir unsere erste Zusage nach Bremen.“ Rudi Robrahn schüttelt den Kopf, wenn er daran denkt, wie die Familie 1946 mit dem notdürftig geflickten Fahrgeschäft auf der Osterwiese auftauchte. Die Mutter tauschte Leberwurst gegen Eisenwaren, um den Scooter wieder flott zu machen, eine Woche nach Eröffnung der Osterwiese drehten die Mini-Autos aus Bielefeld ihre ersten Runden auf bremischem Boden.
Es sollten nicht die letzten sein: 1950 entschloss sich Familie Robrahn, nach Bremen umzusiedeln – ins Zentrum der norddeutschen Märkte. „Das waren noch ganz andere Zeiten, romantischer und nicht so hektisch“, sinniert Rudi Robrahn und denkt dabei vor allem an die oft tagelangen, beschwerlichen Wege von Rablinghausen aus nach Bremerhaven, Cuxhaven oder Minden – im Schritttempo, mit nur einem Bulldog, „und vorneweg die Sturmlaterne“.
Nach dem Tod des Vaters 1960 gründeten die vier Kinder eine gemeinsame Gesellschaft, und so hätte es wohl bleiben können, meint Rudi Robrahn, wenn die Stadt Bremen der Familie nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. „Nach der damaligen Marktordnung durften nur zwei Fahrgeschäfte einer Firma auf den Freimarkt.“ Bei mittlerweile vier Robrahn-Geschäften der zweiten Generation ein Ding der Unmöglichkeit. Man ging geschäftlich getrennte Wege – aber alle führten und führen nach wie vor auf den Freimarkt. Schwester Hilde steht mit dem Space Shuttle fast nebenan, Irmgard „Irmi“ v. d. Veen, geborene Robrahn, hat wie Bruder Werner einen Autoskooter.
Ein Familientreffen auf der Bürgerweide, das ist für die Schaustellerdynastie eine der leichtesten Übungen. Die dritte Generation hat nachgezogen, alle sind sie irgendwie mit dem Gewerbe verbandelt. Rudi Robrahn junior steht mit dem Countdown auf eigenen Füßen, Tochter Kathy betreibt in Braunschweig ein Automatencenter und eine Aalbude, Antje, die Älteste, steht mit einem Schwarzwaldausschank gerade in Freiburg.
Der Name Robrahn – in Bremen auch ein Synonym für Nervenkitzel der besonderen Art. Fast ein Dutzend Neuheiten hat der Unternehmer, der schon seit Jahren in Oberneuland zu Hause ist, im Laufe seines Lebens auf die Bürgerweide gebracht, den „Ranger“ zum Beispiel oder das „Cresta“. „Ein tolles Fahrgeschäft“, schwelgt Rudi Robrahn in Erinnerungen, „leider immer irgendwie kaputt.“ Ex-Innensenator Helmut Fröhlich sei besonders gern damit gefahren, „auch wenn’s unter seinem Sitz mal gebrannt hat“, fischt der 65-Jährige eine Anekdote aus der Vergangenheit.
Zwar schreckt er selbst heute noch vor keiner Karussellfahrt zurück, seine Zukunft indes stellt sich Robrahn weniger rasant vor. „Ich will’s jetzt ruhiger angehen lassen“, hat sich der Frisbee-Chef fest vorgenommen. Ganz leicht dürfte ihm das nicht fallen, denn schließlich: „Welches Gewerbe kann schon für sich in Anspruch nehmen, jährlich mehr Menschen Freude zu bereiten als König Fußball?“ Millionen Quellen für die Leidenschaft, Schausteller zu sein...
(Quelle: Weser-Kurier Online)