Stadt kämpft um ihr Volksfest
Die Stadt wird gegen das Volksfest-Urteil des Schleswiger Verwaltungsgerichtes Berufung einlegen. Das entschied der Senat gestern.
Von Kai Dordowsky
"Wir haben eine Doppelstrategie vereinbart", erklärte Bürgermeister Bernd Saxe (SPD) auf LN-Anfrage. Neben dem juristischen Widerspruch will die Verwaltung Anwohner und Schausteller an einen Tisch bringen, "um für künftige Volksfeste an diesem Platz einen Konsens zu erzielen", so Saxe.
Die Nachricht von der Niederlage der Stadt vor dem Verwaltungsgericht in Schleswig in Sachen Volksfest hat bei den Schaustellern viel Frust ausgelöst. Wie berichtet, muss Lübecks ältestes Massenvergnügen leiser werden. Laut Verwaltungsgericht müssen die Lärmwerte deutlich gesenkt werden. Im vergangenen Jahr waren an der Wohnung der Kläger nach 22 Uhr 57 Dezibel gemessen worden. Zulässig sind um diese Zeit 40 Dezibel.
"In dieser Form ist es das Ende des Volksfestes", äußert sich Holger Bock, Präsident des Schaustellerverbandes, enttäuscht über das Urteil. Bock kann die Argumentation der Richter, dass der Festplatz in einem reinen Wohngebiet liege, nicht nachvollziehen. "Der Kläger ist kein direkter Anwohner und wohnt in der Nähe eines Steinmetzes, einer Tankstelle und eines Blumengeschäftes." Bock rechnet in diesem Jahr mit deutlich weniger Fahrgeschäften auf dem Volksfest, das am 29. Juni beginnen soll. "Wenn das so weitergeht, erreicht das Volksfest bald das Niveau von Frühjahrs- oder Herbstmarkt."
"40 Dezibel sind nicht einzuhalten", sagt Dirk Freitag, Schausteller und CDU-Bürgerschaftsmitglied. "Mit dieser Regelung brechen uns die attraktiven Fahrgeschäfte weg." Freitag kennt keine Kommune in Schleswig-Holstein, in der es ähnliche Probleme wegen Lärms gibt. Die Auflagen des vergangenen Jahres müssten ausreichen, fordert SPD-Fraktionschef Peter Reinhardt. "Es darf nicht sein, dass im Interesse Einzelner dem Volks- und Erinnerungsfest und den dort tätigen Marktbeschickern, Fahrgeschäften und Zeltbetrieben die wirtschaftliche Basis entzogen wird", so Reinhardt. Damit werde eines der ältesten Feste in Schleswig-Holstein gefährdet. "So wird das Ende des Volksfestes eingeläutet", befürchtet auch Roswitha Kaske, marktpolitische Sprecherin der CDU-Rathausfraktion.
Helmut Häffner, Leiter des Bereichs Märkte, der die städtischen Massenvergnügen veranstaltet, schätzt die Lautstärke von Fahrgeschäften auf 65 Dezibel. Man habe sich schon im letzten Jahr bemüht, auf die Schausteller einzuwirken. Häffner: "Wir zeigen mit dem rechten Zeigefinger auf unser Ohr, dann muss der Schausteller die Musik leiser drehen." Es habe 2002 nur eine einzige Beschwerde gegeben.
Jochen Düring, Vorsitzender des Volksfestkomitees, wirft der Stadt dennoch vor, dass sie zu spät reagiert habe. Trotz Zusagen an die Beschwerdeführer hätten "gewisse Lautsprecher nahezu unverändert weitergeplärrt." Düring fordert, dass die technische Möglichkeiten zur Schallbegrenzung endlich durchgesetzt werden. Denn es gebe keinen Ausweichplatz für Lübecks ältestes Massenvergnügen.
"Bei Spielen des VfB und bei Festen der Laubenpieper ist es auch laut. Für mich ist das Urteil nicht nachvollziehbar. In dieser Form ist es das Ende des Volksfestes." Holger Bock, Schausteller
Hintergrund:
155-jährige Tradition
Am 28. Juni 1848 wurde das Volks- und Erinnerungsfest aus der Taufe gehoben. Damals hieß es "Allgemeines Scheibenschießen". 1400 Menschen zogen mit schwarzrotgoldenen und lübschen Fahnen durch die Stadt. "Dem festlichen Zug folgten Illumination und Tanz im Freien", schrieb eine Augenzeugin. Ab 1851 wurde das Fest auf dem Burgfeld gefeiert, 1871 erhielt das aus demokratischer Tradition geborene Spektakel den heutigen Namen. Das Fest hat alle Wirren deutscher Geschichte überstanden. Nur einmal, 1866, ist es gänzlich ausgefallen - als Preußen und Österreich-Ungarn sich um die Vorherrschaft in Schleswig-Holstein stritten. Selbst 1945 gab es immerhin ein bescheidenes Ersatzvolksfest. 1927 fand die Feier ihre Heimat auf dem Volksfestplatz.
(Quelle: Lübecker Nachrichten vom 29./30. Mai 2003)