Runder Tisch sucht neue Wege für den Rummel - Ein Vorschlag:
Umzug zur Possehlstraße soll das Volksfest retten
Für das von Publikumsschwund gebeutelte Volksfest gibt es wieder Hoffnung. Ein Runder Tisch brachte eine Fülle origineller Ideen. Und manch unkonventionellen Vorschlag für einen anderen Standort.
Die Situation: Das Traditionsfest steckt in der schwersten Krise seines Bestehens. Wo früher rund 150 000 Besucher gezählt wurden, kamen diesmal nur 100 000. Auf 3500 Quadratmetern Fläche ist Platz für 125 Geschäfte, darunter bis zu 17 Fahrgeschäfte. In diesem Jahr waren insgesamt 80 Geschäfte da, darunter zehn Fahrgeschäfte. Lärm-Auflagen machen der Veranstaltung zu schaffen. Um 23 Uhr wurde die Musik abgedreht. Der Stadtverkehr hat seine Buslinie zum Volksfest eingestellt. Es gibt nach Ansicht der Schausteller zu wenig Parkplätze und zu viele Parallel-Veranstaltungen in Lübeck.
Der Standort: Die durch eine Klage erzwungenen Lärm-Auflagen schränken die Feier-Möglichkeiten auf dem traditionellen Volksfestplatz stark ein. Umweltsenatorin Beate Hoffmann (CDU) empfiehlt ein Ausweichen auf die Rodenkoppel am Wallhafen. Wirtschaftssenator Wolfgang Halbedel (CDU) regt an, die Possehlstraße zwischen Wallstraße und Lachswehrallee 14 Tage lang zu sperren, um das Volksfest dort zu feiern. Vorteile, so Halbedel: kaum Wohnbebauung und viele Parkplätze. "Wo heute das Behördenhaus ist, war früher das Volksfest", erinnert sich der Senator.
Bei Schaustellern und in der Politik ist ein Standortwechsel umstritten. Die Schausteller glauben nicht, dass es einen Ort in Lübeck gibt, der stadtnah, mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar und weit genug entfernt von Anwohnern ist. Die Politik schreckt vor den Investitionskosten für einen neuen Volksfestplatz zurück. Dirk Freitag vom Schaustellerverband Lübeck: "Uns liegt eine kurzfristige Lösung am Herzen. Wenn es noch zwei, drei Jahre so weitergeht wie in diesem Jahr, brauchen wir keine langfristige Lösung mehr."
Das Angebot: Der "Turbo-Abstieg" des Volksfestes habe auch inhaltliche Gründe, sagt Frank-Thomas Gaulin (SPD). Das Angebot spreche viele Menschen nicht mehr an. "Beim zehnten Rundgang wird es langweilig." Die Zeiten, als die Veranstaltung ein Familienfest war, seien vorbei. Das Image sei dringend verbesserungswürdig. Michael Koch (CDU) rät, Elemente von Traveufer- und Domfestival aufzunehmen. "Mit einer anderen Gastronomie und Live-Musik würde man auch eine andere Besucherklientel anlocken." Das helfe auch den Schaustellern. Koch: "Wer Live-Musik hört, geht gerne auch mal in die Geisterbahn." Ein Runder Tisch "Rettet das Volksfest" hat eine Fülle an Ideen gesammelt. Holger Bock, Chef der lübschen Schausteller, will den Christopher-Street-Day auf dem Volksfest enden lassen. Angeregt wurde, ein zentrales Schützenfest zu organisieren, Zirkusse, Flohmärkte und einen kleinen Fischmarkt zu integrieren. Weiterhin könnte eine Bühne aufgebaut werden, auf der das Theater und die Musikhochschule Kostproben geben.
Wie geht es weiter? Ein neues Lärmgutachten stellt fest, dass vom Gericht auferlegten Grenzwerte beim diesjährigen Spektakel eingehalten wurden. Die Stadt will deshalb für das nächste Fest im Jahr 2004 freitags und sonnabends Musik bis Mitternacht erlauben, wenn die Dezibelwerte nicht überschritten werden. Die bei der Travemünder Woche getroffene Regelung soll für alle Innenstadtfeste gelten. Der Runde Tisch "Rettet das Volksfest" tritt im November wieder zusammen. Die Schausteller legen Vorschläge zur Steigerung der Attraktivität vor. Die Verwaltung will klären, ob Travemünder Allee und Heiligengeistkamp teilweise zum Parken freigegeben werden können und ob der Stadtverkehr zu Sonderfahrten bewegt werden kann. dor
(Quelle: Lübecker Nachrichten vom 12.09.2003)