Von Hanna-Lotte Mikuteit
Stockelsdorf - Es geschah mitten auf der Straße. Die anderen waren mindestens zu zehnt, Simone* (14) allein. Arglos kommt die Schülerin zum Treffpunkt am Bäckergang in Stockelsdorf bei Lübeck - "um zu reden". Eine Gruppe Mädchen und einige Jungen erwarten sie und fackeln nicht lange. Es beginnt mit Schubsen. Die ersten Fausthiebe treffen Simone ins Gesicht. Bald liegt sie am Boden. Die anderen lassen nicht von ihr ab.
Die Sache gerät außer Kontrolle. Fast eine Stunde dreschen die Kinder auf ihr Opfer ein. Zwei Jungen versuchen dazwischenzugehen. Andere gucken zu. Erst als ein Streifenwagen vorbeikommt, endet der Gewaltexzeß. Simone erleidet einen Jochbeinbruch und mehrere Prellungen. Der älteste Schläger ist 17 Jahre alt, der jüngste zehn . . .
"Ich kann das nicht begreifen", sagt Simones Vater und ringt um Fassung. "Ich fühle mich so ohnmächtig." Er fragt nach dem Warum. "Simone hatte Probleme mit anderen Mädchen, aber das ist doch kein Grund!"
Zehn Tage sind seit dem brutalen Überfall vergangen. Ein Spaziergänger hatte die Schwerverletzte an dem Nachmittag nach Hause gebracht. Später ging sie mit ihrer Mutter zur Polizei und erstattete Strafanzeige gegen die, die dabei waren. Dann wurde sie drei Tage in der Lübecker Uni-Klinik behandelt. "Glücklicherweise muß sie nicht operiert werden", sagt ihr Vater. "Aber seelisch geht es ihr sehr schlecht."
Noch laufen die Ermittlungen. "So etwas gab es in Stockelsdorf noch nie ", sagt Polizeisprecher Horst Ehrhardt.
Das Entsetzen in der 17 000-Einwohner-Gemeinde ist groß. "Wir sind kein sozialer Brennpunkt", betont Bürgermeisterin Brigitte Rahlff-Behrmann. "Es kam völlig überraschend", sagt auch der Rektor der Hauptschule, Michael Puls. Der Übergriff habe nichts mit seiner Schule zu tun. Die Beteiligten kämen aus verschiedenen Klassen, von anderen Schulen oder hätten die Schule bereits verlassen. Puls: "Ich habe mit allen, die von uns dabei waren, gesprochen und klargemacht, daß das nicht geht." Auch Simones Mutter hat mit den Kindern geredet. Trotzdem ist immer noch unklar, warum Simone in den Hinterhalt gelockt und zusammengeschlagen wurde. "Jeder kannte sie. Sie war beliebt", sagt Schulsprecher Denis Detje (14). Angeblich solle das Opfer über andere hergezogen haben. Auch er hat mit einigen Tätern gesprochen. Sein Urteil: "Die sind nicht einsichtig."
Inzwischen hat Sozialarbeiter Matthias Grage sich eingeschaltet: "Wir planen einen runden Tisch auch für die Eltern", sagt er. Ähnlich sieht es der Leitende Oberstaatsanwalt Heinrich Wille: "Es ist ein Problem, das man vor allem pädagogisch aufarbeiten muß."
Simone erholt sich nur langsam vom Schock. "Drei oder vier Kinder waren da, haben sich entschuldigt", sagt ihr Vater. Andere hätten angeboten, sie zu beschützen. Jetzt wolle sie zurück in die Schule. Wichtig sei, so der Vater, daß der Überfall nicht totgeschwiegen werde. "Das darf man nicht auf sich beruhen lassen." (*Name geändert)
erschienen am 18. Januar 2005 in Norddeutschland