Kieler Experte über den Gewaltausbruch von Stockelsdorf
Stockelsdorf - Die Brutalität schockiert: Gut zehn Kinder haben in Stockelsdorf bei Lübeck eine Stunde lang auf die 14 Jahre alte Simone (Name geändert) eingeprügelt. Das Abendblatt sprach mit dem Kieler Psychologen Thomas Bliesener über Gewalt und Aggression bei Kindern und Jugendlichen.
ABENDBLATT: Wie läßt sich solche massive Aggression erklären?
PROF. THOMAS BLIESENER: Meist gibt es einen Rädelsführer und viele Mitläufer. Oft sind es Jugendliche, die Probleme haben, denen Anerkennung und Aussicht fehlt. Sie sind impulsiv, rotten sich zusammen und bekräftigen einander. Bei so einem Aggressivitätsausbruch können Kränkungen eine Rolle spielen. Das Phänomen ist nicht neu. Aber es passiert immer öfter, die Täter sind immer jünger.
ABENDBLATT: Im konkreten Fall haben vor allem Mädchen zugeschlagen. Ist das neu?
BLIESENER: Jungen agieren eher körperlich und verbal, wenn sie aggressiv werden. Mädchen verhalten sich weniger direkt. Sie versuchen eher hintenrum soziale Beziehungen kaputtzumachen. Es ist untypisch, daß sie so offen aggressiv agieren. Allerdings wissen wir aus der Polizeistatistik, daß Mädchen bei körperlicher Gewalt seit Jahren höhere Zuwachsraten haben als Jungen. Das könnte damit zusammenhängen, daß Mädchen heute andere Rollenmodelle haben, zum Beispiel Lara Croft.
ABENDBLATT: Es gab offenbar keinen erkennbaren Grund für die Schlägerei.
BLIESENER: Das ist auch bei Schulmobbing oft so. Die Täter wollen Macht ausüben. Sie haben gelernt, Konflikte mit Gewalt zu lösen. Das hat auch mit Eltern zu tun, die überfordert sind und aufgegeben haben.
ABENDBLATT: Was muß jetzt in Stockelsdorf geschehen?
BLIESENER: Das muß pädagogisch aufgearbeitet werden. Die Schüler müssen begreifen, daß Gewalt inakzeptabel ist. Das gilt vor allem für die Rädelsführer, die wenig Mitgefühl mit dem Opfer zeigen. Bei den meisten gibt es kaum eine andere Handhabe, weil sie nicht strafmündig sind. Interview: HANNA-LOTTE MIKUTEIT
erschienen am 19. Januar 2005 in Norddeutschland