Auf dem Markt wird's ruhiger: Lübeck streicht das Oktoberfest
Lübeck - Ein umstrittenes Massenspektakel wird vom Markt ausgesperrt. Das Oktoberfest - seit neun Jahren in Lübecks guter Stube zu Hause - muss sich einen anderen Standort suchen.
"Das Oktoberfest ist weg", bestätigte Wirtschaftssenator Wolfgang Halbedel (CDU) auf Anfrage, "die Politik wollte das Fest nicht mehr auf dem Markt." Hinter verschlossenen Türen hat der Wirtschaftsausschuss der Bürgerschaft die Liste der diesjährigen Veranstaltungen in Lübecks guter Stube beschlossen. Prominenteste Opfer des Katalogs ist neben dem Oktoberfest das Opernfilmfestival, das im vergangenen Jahr Premiere feierte und keine zweite Auflage erlebt.
Holger Bock, Chef der Lübecker Schausteller, bedauert das Ende der "volkstümlichen Veranstaltung". Die Bevölkerung habe das deftige Vergnügen stets gut angenommen. Über Niveau will Bock nicht streiten: "Der eine mag Operette und Wein, der andere bayerische Bierseligkeit." Gestolpert ist das Oktoberfest auch nicht über Geschmacksfragen, sondern über seine Dauer. Zwischen sieben und zehn Tagen war beantragt - das hätte die Wochenmarktbeschicker mindestens einen Markttag gekostet. Der Verband der Standbetreiber senkte deshalb den Daumen.
Die Schausteller wollen sich jetzt mit Henning König beraten, der mit seinem Bayern-Zelt den Mittelpunkt jedes Oktoberfestes darstellte. Ob das Spektakel an einen anderen Standort zieht, sei noch nicht entschieden, so der Schausteller-Vorsitzende. In seiner Geschichte hat das Fest schon mehrere Stationen erlebt. Bock: "Wir haben auf dem Flugplatz angefangen, sind dann auf den Volksfestplatz gezogen und von dort auf den Markt." Ein kürzeres Oktoberfest sei nicht möglich, weil dann die Veranstalter ihre Kosten nicht wieder einspielen könnten.
Obwohl er einer der Leidtragenden ist, hält Bock die neue Gestaltungssatzung für den Markt für richtig. "Angesichts der Auswüchse musste etwas passieren", sagt der Schausteller-Vorsitzende und meint Marktschreier-Wettbewerbe und billige Verkaufsstände. Das Übermaß an zweifelhaften Events vor allem im vergangenen Jahr machte den Markt überhaupt erst zum politischen Thema. Cafébetreiber und sogar Peek & Cloppenburg beschwerten sich massiv über die andauernden Veranstaltungen. Die Bürgerschaft reagierte mit einer Gestaltungssatzung, die für den Markt maximal zwölf niveauvolle Feste pro Jahr von maximal zehn Tagen Dauer festlegte. Flohmarktstände und Verkaufslastwagen wurden untersagt. Keine Chance mehr also für den Wettbewerb der Fischmarkt-Schreier und den Holsteiner Friesenmarkt. Aber auch nicht für den Beach-Soccer-Cup, das Domfestival und eben das Opernfilmfestival. Heringstage und Kartoffeltage dagegen dürfen bleiben.
"Ein Zelt, laute Musik und Alkohol - das reicht nicht mehr für unsere Kriterien", begründet Michael Koch, wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU, die Auswahl. Das Oktoberfest fliege zu Recht vom Markt, weil es "für viel negative Publicity durch Schlägereien und Videoüberwachung gesorgt hat." Das Spektakel passe nicht in die gute Stube, wiederholt SPD-Fraktionschef Peter Reinhardt: "Es muss ein neuer Standort gefunden werden." Neben der Frage des Niveaus sei vor allem die Rücksichtnahme auf die Wochenmarktbeschicker ausschlaggebend, erklärt Reinhardt: "Es geht nicht, dass der Markt permanent belegt ist."
Das bestätigt Sven Bössow, Vorsitzender der Wochenmarktbeschicker und Sprecher von 75 Firmen. "Wir brauchen Kontinuität auf dem Wochenmarkt, die Menschen müssen wissen, wo wir stehen." In der Vergangenheit seien die Standbetreiber so oft ausgewichen, "dass wir viele Kunden eingebüßt haben", erklärt Bössow. Von der neuen Regelung erwartet er eine Erholung des Wochenmarktes auf dem Markt.