- Offizieller Beitrag
Zwischen Trubel und Ruin
Das Sommerfest zieht auch dieses Jahr viele Besucher an, den Schaustellern aber geht es schlecht
TÜBINGEN (eik). Fünf Tage Sommerfest-Rummel auf dem Tübinger Festplatz – zur Halbzeit ziehen die Schausteller eine eher ernüchternde Bilanz. Wer sich den Budenzauber nicht entgehen lassen will, muss sich beeilen: Heute ist Familientag, am Dienstagnacht Abpfiff für Riesenrad, Achterbahn und Autoscooter. Bis dahin steht das Sommerfest im Zeichen der Fußball-WM. Und das gefällt nicht jedem.
Das Tübinger Sommerfest: Für viele ist es eine willkommene Abwechslung und vor allem für junge Leute mitunter ein wilder Ritt. Für die Schausteller ist der Spaß aber auch ein Ernst: Manche bangen inzwischen um ihre Existenz, obwohl die Geschäfte in Tübingen noch relativ rund laufen.
Bild: Faden „Es sind sowieso schon schwere Zeiten für uns Schausteller. Und jetzt kommt auch noch die WM.“ Peter Weeber hat nichts gegen Fußball, und schon gar nichts gegen gute Laune. Aber der Schausteller auf dem Sommerfest und Mitveranstalter des Tübinger Rummels muss, wie alle seine Kollegen, an die Familie und die geschäftliche Existenz denken. Im ganzen Bundesgebiet bangen Schausteller um ihr Geschäft – Rummel ist out. Und das nicht nur zu WM-Zeiten.
Nur noch Geld für Bier?
„Die Erwachsenen wollen nur noch saufen“, klagt ein Schausteller. „Und die Kinder geben ihr knappes Geld wohl lieber für Handys aus.“ Nicht selten ist eine Schießbude oder ein Karussell ein Zuschussgeschäft für die Betreiber. „Hier gibt es fast nur noch Familienbetriebe“, erklärt Volker Weber, der auf dem Sommerfest das weltgrößte Autoscooter betreibt. „Anders wären die Bilanzen der meisten Kollegen nicht zu stemmen.“ Tatsächlich bleiben die Gäste dem Rummel zunehmend fern: Bis zu fünfzig Prozent weniger Umsatz verzeichnen einzelne Geschäfte auf dem Sommerfest im Vergleich zu D-Mark-Zeiten.
„Ich finde das schade“, sagte Sommerfest-Besucher Rüdiger Kniepe am Samstagabend. „Ich gehe mit meinen Enkeln immer gerne zum Rummel. Das ist eine schöne Tradition und auch im Handy-Zeitalter ein stimmungsvoller Spaß. Was kann ein Opa denn sonst noch mit seinen Enkeln machen? Computer spielen?“ Am Samstagabend war das Sommerfest denn auch gut gefüllt. Viele Besucher aber, mutmaßen Schausteller, geben ihr Geld höchstens am Bierstand aus.
Dabei haben sich die Sommerfest-Betreiber auch in diesem Jahr wieder allerhand einfallen lassen: Neben den traditionellen Zuckerwatte-, Eis- und Krimskrams-Ständen locken die Achterbahn „Feuer und Eis“, die größte Geisterbahn des Münchener Oktoberfestes und die Wildwasserbahn „Big Splash“ – in der Sommerhitze womöglich ein erfrischender Spaß.
Gabriele Eberle vom Tübinger Bürger- und Verkehrsverein will deshalb das Sommerfest in Tübingen auch nicht missen: „Ein Rummel gehört in jede größere Stadt“, sagt Eberle. „Wir sind stolz, so ein Sommerfest seit 52 Jahren auch in dieser Akademiker-Stadt anbieten zu können.“ Von der Fußball-WM hatte man sich sogar eine Belebung erwartet. Doch die blieb bisher aus.
Keine Belebung durch die WM
„Zunächst einmal mussten wir viel umorganisieren“, so Veranstalter Weeber. „Die Eröffnung am Freitag fand in den Abendstunden statt. Und das Feuerwerk, traditionell erst am letzten Tag, gibt‘s nun wegen des Halbfinales bereits am Montag. Der Dienstag als letzter Tag ist jetzt also beinahe nur noch tote Zeit.“ Auch die Besucher der nahe gelegenen Fan-Feste bringen nicht den erhofften Run auf den Rummel. Höchstens am Bierstand trifft man sich nach den Spielen, um noch einmal Fouls, Fehlleistungen und Tore zu besprechen. Immerhin gibt es so genug Parkmöglichkeiten: Verstopfte Straßen und Stellplätze für Autos waren nicht das Problem.
„Der Organisation kann man keinen Vorwurf machen“, sagte Schausteller Weber. „Die Preise vom BVV sind moderat. Auch Tübingen als Rummelstadt ist, relativ gesehen, kein so schlechtes Pflaster.“ In anderen Städten sei die Lage für die Schausteller sogar noch schlimmer.
Wer etwas tun will für die gute Laune und gegen den Rummel-Ruin, der wirft also auf die Dosen-Pyramide oder setzt seine Kleinen in ein Kettenkarussell. „Ich verbinde mit dem Sommerfest genug Erinnerungen an meine eigene Kindheit“, sagte Festbesucher Jürgen Wild und fügt augenzwinkernd hinzu: „Ich werd‘ hier mit meinen Jungs auch noch herkommen, wenn ich sie hin prügeln muss.“ Väter wie Wild haben dazu heute Gelegenheit, denn der Montag ist traditionell der Familientag auf dem Sommerfest: reduzierte Preise bis 19 Uhr.
Rummel-Opa Rüdiger Kniepe fühlt mit den Schaustellern: „Da stirbt ja auch ein Teil von unserer Kultur. So einen Rummelplatz müsste man unter Artenschutz stellen. Für ein Theater oder eine Oper gibt es doch auch Hilfe vom Staat.“ Und ist der Rummel nicht schließlich die Oper in Zeiten von Hartz IV?
Text: Von Eike Freese