An den ersten beiden Kirmestagen waren schon mehr als eine halbe Million Besucher auf Pützchens Markt - Marktstraße und Friedensstraße mussten zeitweise gesperrt werden - Von Turbo Force bis Wilde Maus
Von Cem Akalin, Frank Auffenberg und Julia Wehne
Pützchen.Theoretisch bräuchte man eine Machete. Um sich durch den Dschungel zu schlagen. Eine Wand aus Stechpalme, Kakaobaum und Ficus wandert über Pützchens Markt. Rosemarie Danschewitz hat eingekauft. "Ich kaufe alle meine Pflanzen auf Pützchens Markt", erzählt die Königswinterin, die mit gesammelter Familie seit zwölf Jahren anreist, um sich beim "Rollenden Blumencenter" floral einzudecken.
"Alle Pflanzen, die ich besitze, stammen von hier", freut sie sich. Standbesitzer Kasimir Stemerdink freut sich auch: "Ich verkaufe acht Lastwagenladungen an Pflanzen während der fünf Tage", meint der Niederländer, der schon seit 26 Jahren die Kirmes besucht.
Und tatsächlich: Rummelbesucher mit Drachenbäumchen unterm Arm flanieren über die 639. Ausgabe von Pützchens Markt. Auf 80 000 Quadratmeter Veranstaltungsfläche fanden 550 Schausteller ihren Platz. 170 davon allein auf dem Hauptgelände. Die gesamte Frontlänge der Geschäfte verlangte den Kirmesgängern mit 4,5 Kilometern einiges an Kondition ab.
Und auch Geduld: Denn so voll war Pützchens Markt noch nie. Diese Beobachtung machte zumindest Beuels Bezirksvorsteher Wolfgang Hürter, und Evi Zwiebler, Leiterin der Bürgerdienste bei der Stadt Bonn ist sich sicher: "Das wird einen neuen Besucherrekord geben."
Marktleiter Günter Dick gibt sich trotz breiter Euphorie auch bei den Schaustellern noch vorsichtig, schätzt aber, dass an den ersten beiden Tagen schon weit mehr als eine halbe Million Menschen das Volksfest besucht haben. In den Vorjahren war man schon froh, wenn man möglichst nah an diese Marke kam.
Schon am Freitagnachmittag knubbelten sich die Massen, der Samstag war bei perfekten Temperaturen - nicht zu kalt und nicht zu warm - am Nachmittag fest in Familienhand, die Nacht machten meist die Jüngeren zum Tage. Gegen 21.30 Uhr musste die Polizei am Samstag die Marktstraße sperren und die Besucherströme zwei Stunden lang umleiten.
Das DRK hatte Einsätze bei Menschen, die wegen des Gedränges Angst- und Panikattacken bekamen. Sogar die Friedensstraße musste zeitweise gesperrt werden, weil einfach nichts mehr ging: "Das hat es noch nie gegeben", so Dick. "Der Samstag hat unsere Erwartungen bei weitem übertroffen. Die Fahrgeschäfte waren bis 1 Uhr voll ausgelastet, die Gastronomie teilweise bis 5 Uhr." Am Bayernzelt mussten sich zeitweise Beamte postieren, weil mit 2 500 Gästen keine Maus mehr reinpasste. Auch der Sonntag begann vielversprechend.
"Auf die Wasserbahn will ich drauf", schreit Yannick aus 20 Meter Höhe und weist auf die Nessy Schiffschaukel. Der neunjährige Gummersbacher sitzt mit Schwester Julia im Riesenrad. "Alle sehen aus wie kleine Ameisen." Yannick resümiert: "Die Achterbahn dahinten war echt fies und erschreckend", sagt er und meint die neueste Attraktion auf Pützchens Markt: "Daemonium".
"Das ist die größte transportable Geisterbahn der Welt", sagt Schausteller und Besitzer Martin Blume. In kleinen Gefängniskäfigen geht es über vier neblige Ebenen bergab. Um einen herum Schreie, enthauptete Menschen, kreischende Sägen und plötzlich - packt eine krallige Klaue an den Knöchel. "Wir arbeiten mit 'lebenden Akteuren'", so Blume. "Jede Stunde gibt's eine Stunde Pause, schließlich arbeiten wir im völligen Dunkeln." Eine Woche dauerte es, die Sechs-Millionen-Euro-Anlage mit einer Front von 37 Metern mit vier Kränen und 30 Mann aufzubauen, so Blume, der neun Monate im Jahr ein Nomadendasein führt: "Das ist ein Allround-Job. Ich bin Manager, Malocher, Maler, Elektriker und Schlosser in einer Person."
Waldemar Bluszczyk ist gerade aus Turbo Force gestiegen, einem gigantischen Windrad mit freischwingenden Gondeln an den Flügeln. "Das Gerät ist super-spannend." Mit 100 Kilometern pro Stunde wirbelte er in 40 Meter Höhe durch die Luft. Das hat ihm nichts ausgemacht. "Grad kam eine ältere Frau aus Turbo Force. Da dachte ich, das kann ja nicht so schlimm sein", sagt Mathias (13). "Wir gehen auf so was nicht mehr drauf", meint lachend Werner Pauli mit seiner Frau Ruth aus Dormagen und setzt sich gelassen auf eine schattige Bank vor dem Frisbee - einem sich bizarr drehenden enormen Pendel. "Wir gehen lieber aufs Riesenrad", sagen die Paulis. "Das Schönste ist, dass man schlendern und überall einkehren kann."
Neben Wildwasserbahn, verspiegelten Labyrinthen und dem Superpolypen Octopussy nähert man sich vorbei am Kölschrock beim Schnäppchenmarkt auch stilleren Ecken - etwa auf dem Pluutenmarkt. Doch wer will es schon besinnlich auf Pützchens Markt? In der "Salzburger Schmankerl Hüttn" jedenfalls herrschte bis zum frühen Morgen ausgelassene Aprés-Ski-Stimmung.